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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Auf der Suche nach Fachkräften»

Weiterbildungsfonds für ältere Arbeitnehmende?

Ältere Arbeitnehmende sollen sich laut der Fachkräfteinitiative vermehrt weiterbilden. Wie kann man sie und die Unternehmen dazu motivieren? Vielversprechend scheinen Weiterbildungsfonds auf Branchenebene.

Fit für den Arbeitsmarkt: Eine Weiterbildung lohnt sich auch für ältere Arbeitnehmende. (Bild: Shutterstock)

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Die Fachkräfteinitiative des Bundes legt einen Schwerpunkt auf ältere Arbeitnehmende. Obwohl diese Gruppe gut im Arbeitsmarkt integriert ist, weist sie ein vergleichsweise hohes Risiko von Langzeitarbeitslosigkeit auf. Ein Lösungsansatz ist die Förderung der Weiterbildung der älteren Arbeitnehmenden. Wie eine Analyse des Basler Forschungs- und Beratungsunternehmens B,S,S. zeigt, bilden sich ältere sowie gering qualifizierte Arbeitnehmende seltener weiter als jüngere und gut qualifizierte Personen. Um diese beiden Zielgruppen stärker für Weiterbildungen zu motivieren, wurden Förderinstrumente wie Weiterbildungsgutscheine, Massnahmen der Arbeitsmarktbehörden oder branchenbezogene Weiterbildungsfonds geprüft. Letztere schneiden im Hinblick auf die Arbeitsmarktorientierung am besten ab.

Aufgrund der demografischen Entwicklung gewinnen ältere Arbeitnehmende an Bedeutung – weshalb die Fachkräfteinitiative des Bundes unter anderem diese Erwerbsgruppe prioritär behandelt. Grundsätzlich sind ältere Arbeitnehmende zwar gut in den Arbeitsmarkt integriert: So sinkt die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, mit dem Alter. Werden ältere Arbeitnehmende aber einmal arbeitslos, ist es für sie schwieriger, wieder eine Stelle zu finden.

Ein möglicher Lösungsansatz sind Weiterbildungen während und insbesondere auch bereits vor einer allfälligen Arbeitslosigkeit. Denn: Weiterbildungen können den Arbeitnehmenden dabei helfen, ihre Arbeitsmarktfähigkeit zu verbessern. Im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat das Basler Forschungs- und Beratungsunternehmen B,S,S. die Weiterbildungsbeteiligung älterer Arbeitnehmender sowie mögliche Finanzierungsinstrumente analysiert.[1]

Wichtige Einflussfaktoren: Alter und Bildungsniveau

Ältere Arbeitnehmende bilden sich weniger weiter als jüngere: Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt bei der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen, wobei sich bereits die 50- bis 60-Jährigen unterdurchschnittlich weiterbilden. Auch der Wunsch nach Weiterbildung sinkt mit dem Alter.

Wie bei jeder Korrelation stellt sich allerdings auch hier die Frage nach der Kausalität: Inwieweit weisen ältere Arbeitnehmende aufgrund ihres Alters eine geringere Weiterbildungsbeteiligung auf? Inwieweit sind andere Einflussfaktoren dafür verantwortlich?

Eine Regressionsanalyse zeigt: Das Alter beeinflusst die Weiterbildungsbeteiligung signifikant negativ (siehe Tabelle). Aber: Andere Faktoren – insbesondere das Bildungsniveau – wirken noch stärker auf die Weiterbildungsbeteiligung. Deren Einfluss scheint nicht altersspezifisch zu sein. Dies heisst: Gering qualifizierte Arbeitnehmende nehmen sowohl in jungen als auch in älteren Jahren weniger an Weiterbildungen teil als höher qualifizierte Personen.

Aus diesen Ergebnissen kann somit abgeleitet werden: Eine allfällige Unterstützung sollte sich nicht auf ältere Arbeitnehmende beschränken. Sondern sie sollte auch andere Risikogruppen, insbesondere gering qualifizierte Arbeitnehmende, einschliessen.

Weiterbildungspartizipation von 25- bis 64-jährigen Arbeitnehmenden

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Drei Finanzierungsinstrumente im Vergleich   

Möchte der Bund die Weiterbildung finanziell unterstützen, sind verschiedene Finanzierungsinstrumente denkbar. Im Rahmen der Analyse wurden drei Instrumente vertieft untersucht.

Ein erstes Instrument sind Bildungsgutscheine, die von den Empfängern bei einer Weiterbildungsteilnahme eigener Wahl eingelöst werden können. Die Gutscheine können an Arbeitnehmende oder an Unternehmen ausgestellt werden.

Ein weiteres Instrument sind Weiterbildungsfonds, welche den Unternehmen Geld für einen Teil der Weiterbildungskosten zahlen. Finanziert werden sie von allen Unternehmen einer Branche. Die staatliche Unterstützung könnte in Form von zusätzlichen Beiträgen des Bundes an die Weiterbildungskosten der Zielgruppe erfolgen.

Eine dritte Möglichkeit sind Qualifizierungsmassnahmen im Rahmen der Arbeitslosenversicherung. Bei Kurzarbeit und Massenentlassungen verfügt die Arbeitslosenversicherung bereits über entsprechende Instrumente. Es wäre grundsätzlich denkbar, dass die Massnahmen noch früher ansetzen, indem beispielsweise auch Personen in prekären Arbeitsverhältnissen oder Personen in vom Strukturwandel betroffenen Berufen und Branchen unterstützt werden.

Branchenfonds sind nahe am Arbeitsmarkt

Wie eignen sich diese drei Instrumente in der Praxis? Eine Antwort liefert die Arbeitsmarktorientierung: Je stärker ein Instrument auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet ist, desto geeigneter ist es.

Gut schneiden die Branchenfonds ab:  Die stark involvierten Branchenverbände sorgen dafür, dass die Fonds sowohl bei der Entwicklung als auch bei der Bewirtschaftung stark auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet sind. Dies ist bei den Bildungsgutscheinen weniger der Fall. Insbesondere kann bei fehlender Einbindung der Unternehmen die Gefahr bestehen, dass Angebote besucht werden, welche die Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht direkt steigern.

In der heutigen Form wären die Kurse der Arbeitslosenversicherung nur unzureichend für Beschäftigte in Risikobranchen geeignet, da sie die rasche und dauerhafte Wiedereingliederung von Arbeitslosen im Fokus haben. Wenn man somit, wie erwähnt, bereits vor Beginn einer Arbeitslosigkeit ansetzen möchte, müssten die Kursinhalte angepasst werden. Dazu müssten sich die Arbeitsmarktbehörden mit den jeweiligen Branchenverbänden koordinieren.

Zielgruppen nur schwer erreichbar

Zusätzlich zur Arbeitsmarktorientierung ist es zentral, dass die Instrumente die entsprechenden Zielgruppen erreichen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist keines der drei Instrumente perfekt. So erfassen Bildungsgutscheine nur Personen und Betriebe, die selbst aktiv werden. Dies ist insofern eine Herausforderung, als viele ältere Arbeitnehmende mit ihrer aktuellen Weiterbildungspartizipation zufrieden sind. Ein weiteres Problem ist: Während sich eine Qualifikation beispielsweise mit einem Diplom nachweisen lässt, ist deren Nichtexistenz kaum zu beweisen. Es müsste daher ein Ersatzindikator («Proxy-Indikator») wie das Einkommen verwendet werden.

Von einem Branchenfonds profitieren wiederum nur Arbeitnehmende in Unternehmen, Berufen und Branchen, die einem Fonds unterstellt sind. Schliesslich wird auch bei den Qualifizierungsmassnahmen der Arbeitslosenversicherung nur ein Teil der Zielgruppe erreicht – nämlich diejenigen Personen, deren erhöhtes Risiko der Arbeitslosigkeit überhaupt identifiziert werden kann. Dazu müsste ebenfalls ein Proxy-Indikator – wie beispielsweise Branchen mit hoher Arbeitslosigkeit – genutzt werden.

Die Analyse zeigt: Trotz der Defizite bei der Zielgruppenerreichung bieten branchenbezogene Weiterbildungsfonds auf Basis der obigen Beurteilungskriterien den vergleichsweise effektivsten Ansatzpunkt zur Finanzierung von Weiterbildungen. Um eine hohe Abdeckung der Förderung der Weiterbildungspartizipation und in der Folge der Arbeitsmarktfähigkeit zu erreichen, müssten deshalb in möglichst vielen Branchen Weiterbildungsfonds geschaffen werden. Der Bund könnte dies mit Beiträgen an die Weiterbildungskurse für ältere und gering qualifizierte Personen fördern. Gegebenenfalls könnten die Fonds zudem für allgemeinverbindlich erklärt und somit weiter gestärkt werden.

  1. Der Zusammenhang zwischen Weiterbildung und Arbeitsmarktfähigkeit war hingegen nicht Fokus der Analyse. Als «ältere Arbeitnehmende» wurden in der Studie Personen in der zweiten Hälfte ihrer Erwerbsbiografie, d. h. Arbeitnehmende über 45 Jahre, definiert.      []

Ökonomin, Senior Projektleiterin bei B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Dr. oec. publ., Projektleiter, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel.

Ökonomin, Senior Projektleiterin bei B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Dr. oec. publ., Projektleiter, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel.