Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Entwicklungszusammenarbeit: Die Prioritäten der Schweiz»

Weniger Armut – mehr Ungleichheit

In den letzten Jahrzehnten hat die Ungleichheit innerhalb der Staaten zugenommen – was hohe politische und soziale Kosten verursachen kann. Die Schweiz will diesem Trend in ihrer wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit entgegenwirken.

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Rikscha in Indien. (Bild: Keystone)

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Das Umfeld der wirtschaftlichen Entwicklungshilfe hat sich in den letzten 50 Jahren drastisch verändert. Die extreme Armut ist auf einen Tiefstand gefallen, die Ungleichheit zwischen Staaten hat abgenommen. Gleichzeitig sind aber die innerstaatlichen Disparitäten deutlich gewachsen. Da grosse Ungleichheiten politische und soziale Kosten verursachen können, rückt das Thema zusehends auf die Agenda der internationalen Zusammenarbeit. Die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hat den Akzent auf nachhaltiges, inklusives Wachstum gelegt. Dadurch sollen alle Bevölkerungsschichten eines Landes Perspektiven erhalten.

Kriege, Wirtschaftskrisen und Flüchtlingsströme: Die Schlagzeilen der Medien malen ein düsteres Bild der Welt. Vergessen gehen dabei häufig die beachtlichen Fortschritte im Kampf gegen eine der grössten Miseren, mit denen wir uns konfrontiert sehen: die extreme Armut.

So ist der Anteil der Menschen, die mit weniger als 1.90 Dollar pro Tag auskommen müssen, in den letzten 15 Jahren um über die Hälfte gesunken. Heute leben rund 10 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. Zum Vergleich: Im 19. Jahrhundert waren noch mehr als 8 von 10 Personen davon betroffen (siehe Abbildung 1). Nennenswert sind auch die Fortschritte im Kampf gegen die Kindersterblichkeit, welche heute beinahe vier Mal tiefer ist als vor 50 Jahren.[1]

Abb. 1: Anteil der Armen an der Weltbevölkerung

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Quelle: Roser (2015a), Bourguignon/Morrisson (2002), World Bank (2015) / Die Volkswirtschaft

Das durchschnittliche Einkommen in Europa vor 200 Jahren glich jenem der ärmsten Länder Afrikas von heute. Damals war nahezu die gesamte Weltbevölkerung arm (siehe Abbildung 2). Im Jahr 1970 hatte sich der Kontext als Folge von über einem Jahrhundert Industrialisierung drastisch verändert. Die Welt war nun zweigeteilt in entwickelte und arme Länder, was visuell an die Höcker eines Kamels erinnert. 50 Jahre später, um die Jahrtausendwende, hat sich das Kamel in ein Dromedar verwandelt: Die klare Unterscheidung zwischen entwickelter und unterentwickelter Welt ist Geschichte, das weltweite Einkommen deutlich gestiegen und gleichmässiger verteilt.

Abb. 2: Weltweite Einkommensverteilung 1820, 1970 und 2000

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Anmerkung: Das Jahreseinkommen der Menschen ist hier weltweit in «Internationalen Dollars» angegeben. Diese Vergleichswährung basiert auf einem Warenkorb, gemessen in Dollar (1990).

Quelle: Roser (2015b), OECD (2014) / Die Volkswirtschaft

Innerstaatliche Ungleichheit nimmt zu

Während diese Entwicklungen optimistisch stimmen, ist seit den Achtzigerjahren eine neue Tendenz feststellbar: Die Ungleichheit zwischen den Ländern nahm in den letzten 25 Jahren zwar ab, die innerstaatliche Ungleichheit stieg aber deutlich.[2] Aufstrebende Volkswirtschaften wie China und Indien verzeichneten jahrelang hohe Wachstumsraten, was wesentlich zur Armutsreduktion beitrug. Gleichzeitig wurde jedoch der Graben zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten immer grösser. Die wachsende Ungleichheit ist mitunter ein Nebeneffekt der wirtschaftlichen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte, wie Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton konstatiert.[3] Denn die Wohlstandsgewinne eines aufstrebenden Staates kommen nicht allen Bewohnern zur gleichen Zeit und in gleichem Masse zugute.

Von den Möglichkeiten einer offenen, globalisierten Weltwirtschaft haben nicht zuletzt wohlhabende Schichten profitiert. Gemäss Schätzungen der Grossbank Credit Suisse verfügen heute 0,7 Prozent der Bevölkerung über knapp die Hälfte des weltweiten Vermögens. Die untersten zwei Drittel besitzen demgegenüber weniger als 3 Prozent (siehe Abbildung 3).

Abb. 3: Weltweite Vermögensverteilung (2015)

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Quelle: James Davies, Rodrigo Lluberas and Anthony Shorrocks, Credit Suisse Global Wealth Databook 2015 / Die Volkswirtschaft

Entsprechend sind Verteilungsfragen in den letzten Jahren ganz zuoberst auf die politische Agenda gerückt. Zahlreiche Beobachter sprechen von strukturellen Herausforderungen, die angegangen werden müssen. So macht der französische Ökonom Thomas Piketty die höheren Renditen von Kapital im Vergleich zum Wirtschaftswachstum hauptverantwortlich für die zunehmende Ungleichheit in entwickelten Volkswirtschaften[4]: Das Einkommen auf Arbeit wachse langsamer als das Einkommen auf Kapital, was das Gros der Bevölkerung systematisch benachteilige. Neue Analysen von Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IMF) zeigen zudem auf, dass Ungleichheit nicht nur potenziell negative soziale oder politische Folgen hat, sondern längerfristig auch zu tieferem Wachstum führen kann.[5]

Weltbank geht mit «Shared Prosperity» voran

Die wachsende Ungleichheit in vielen Ländern wirkt sich auch auf die internationale Zusammenarbeit aus. Neben dem traditionellen Fokus auf die Reduktion von Armut und globalen Risiken wie dem Klimawandel befassen sich Entwicklungsakteure vermehrt mit den Folgen zunehmender Disparitäten.

Exemplarisch ist in dieser Hinsicht die 2013 verabschiedete Strategie der Weltbank namens Shared Prosperity. Diese enthält das ambitionierte Ziel, die extreme Armut[6] bis 2030 zu überwinden – respektive auf wenige Prozentpunkte zu reduzieren. Gleichzeitig soll der Lebensstandard der untersten 40 Prozent in jedem Land drastisch verbessert werden, um den Graben zwischen Arm und Reich zu vermindern.

Inklusives Wachstum als Ziel

Die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) geht in der Strategie 2017–2020 ebenfalls verstärkt auf Disparitäten ein. So stellt das Seco seine entwicklungspolitischen Aktivitäten unter den Begriff «nachhaltiges und inklusives Wachstum»: Wachstum soll ökonomische wie soziale und ökologische Aspekte berücksichtigen und den Wohlstand künftiger Generationen nicht beeinträchtigen (siehe Kasten). Der neue Akzent auf inklusives Wachstum zielt darauf ab, allen Bevölkerungsschichten der Seco-Partnerländer[7] Perspektiven zu bieten – unter anderem über Jobs.

Nachhaltiges und inklusives Wachstum bedingt wirksame Institutionen und Dienstleistungen, die allen Bevölkerungsschichten zugutekommen. Ohne Rechtssicherheit oder funktionierende Energieversorgung können Kleinunternehmer nur mit Mühe eine Firma aufbauen und Arbeitsplätze schaffen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Finanzen und Investitionen sowie ein gut entwickelter Finanzsektor wirken sich positiv auf die wirtschaftliche Leistung eines Landes aus, was wiederum die Armut reduziert. Konkret unterstützt das Seco beispielsweise Ghana mit Expertise und IT-Infrastruktur beim Aufbau eines effizienten und fairen Steuersystems. Dadurch konnten die Staatseinnahmen erhöht und die Steuerlast breiter verteilt werden.[8]

Mehr und bessere Arbeitsplätze sind der Schlüssel zu einer wirtschaftlichen Entwicklung, die möglichst viele einbezieht. So stellt ein würdiger Arbeitsplatz das wohl wirksamste Mittel gegen Armut dar. Damit neue Stellen entstehen, braucht es neben einem förderlichen Geschäftsklima auch Zugang zu Finanzierungsquellen und Fachkräften. Gleichzeitig müssen Arbeitsplätze Mindestanforderungen erfüllen, um ein sicheres und menschenwürdiges Umfeld zu bieten. Über die Finanzierungsinstitution Swiss Investment Fund for Emerging Markets (Sifem) stellt das Seco deshalb Unternehmen in Entwicklungsländern Kapital zur Verfügung, damit diese expandieren und neue Stellen schaffen können.

Längerfristiges Wachstum setzt einen stärkeren Handel und höhere Wettbewerbsfähigkeit voraus. Entwicklungsländer profitieren jedoch häufig nicht von den ertragreichen Etappen in der Wertschöpfungskette eines Produkts. Denn Güter durchlaufen heute komplexe Wertschöpfungsketten in verschiedenen Staaten, bis sie die Konsumenten erreichen. Geeignete wirtschaftliche Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass die Produktivität von kleinen und mittleren Unternehmen kontinuierlich steigt und lukrative Produktionsschritte mit hoher Wertschöpfung vermehrt vor Ort anfallen. Aus diesem Grund stärkt das Seco in Indonesien beispielsweise die Managementkapazitäten von Kakao-Kleinbauern und sorgt damit für stabilere Einkommen.

Arme stärker vom Klimawandel betroffen

Eine emissionsarme und klimaresiliente Wirtschaft ist angesichts der Herausforderungen des Klimawandels von zentraler Bedeutung. Entwicklungsländer sind besonders exponiert und bekommen die Folgen extremer Klimaereignisse stärker zu spüren als entwickelte Staaten. Gerade die Ärmsten in diesen Ländern sind überproportional von Überschwemmungen und anderen Katastrophen betroffen.

Klimarelevante Strategien umfassen sowohl Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgase als auch solche zur Anpassung an die Folgen der Klimaerwärmung. Im Zentrum stehen Massnahmen in Städten, weil sie bedeutende Verursacher klimarelevanter Gase sind und immer mehr Bewohner zählen. In Tadschikistan hat das Seco zu einem zuverlässigeren und nachhaltigeren Zugang zu Elektrizität beigetragen. Das Energienetz wurde saniert, was unter anderem Energieverluste reduzierte. Subventionen trugen dazu bei, dass auch die Ärmsten einen verbesserten Elektrizitätszugang erhielten.

Abschliessend kann gesagt werden: Disparitäten sind mitunter ein Nebeneffekt der wirtschaftlichen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte. Mit ihren potenziell hohen politischen und sozialen Kosten stellen sie für Entwicklungsländer eine Herausforderung dar, die sie noch lange beschäftigen dürfte. Die internationale Zusammenarbeit der Schweiz, insbesondere des Seco, begleitet sie auf diesem Weg.

  1. Roser (2015a). []
  2. Milanovic und Lakner (2015) sowie Anand und Segal (2014). []
  3. Deaton (2013): «Inequality is often a consequence of progress. Not everyone gets rich at the same time, and not everyone gets immediate access to the latest life-saving measures, whether access to clean water, to vaccines, or to new drugs for preventing heart disease.» []
  4. Piketty (2013/2014). []
  5. IMF Staff Discussion Note (2015). []
  6. Einkommen pro Person von weniger als 1.90 Dollar pro Tag (kaufkraftbereinigt, 2011). []
  7. Schwerpunktländer im Süden: Indonesien, Vietnam, Ägypten, Ghana, Südafrika, Tunesien, Kolumbien und Peru. Im Osten: Albanien, Serbien, Kirgistan, Tadschikistan, Ukraine. []
  8. Die Projektbeispiele basieren auf laufenden oder früheren Projekten, welche bereits einen starken Bezug zu inklusivem Wachstum aufweisen. Siehe auch die Beiträge von Alain Bühlmann, Stephan Leiser und Mike Ducker sowie Franziska Spörri und Sibylle Hägler in dieser Ausgabe. []

Leiterin Politik und Qualität, Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Seco-Entwicklungsziele 2017–2020

Das Staatssekretariat für Wirtschaft will nachhaltiges und inklusives Wachstum in den Partnerländern über vier Wirkungsziele erreichen. Diese leiten sich aus der globalen Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung ab und reflektieren die Stellung des Seco als wirtschaftliches Kompetenzzentrum des Bundes:

  • wirksame Institutionen und Dienstleistungen;
  • mehr und bessere Arbeitsplätze;
  • gestärkter Handel und höhere Wettbewerbsfähigkeit;
  • emissionsarme und klimaresilientea Wirtschaft.

aUnter «klimaresilient» wird die Widerstandsfähigkeit gegenüber extremen Klimaereignissen verstanden. Diese stellt neben der Reduktion von Emissionen die zweite Handlungsleitlinie des Seco im Klimabereich dar.

Literatur

  • Anand, Sudhir and Paul Segal (2014). The Global Distribution of Income. International Development Institute Working Paper 2014-01, London.
  • Bourguignon, François and Christian Morrisson (2002). Inequality Among World Citizens: 1820–1992. The American Economic Review, Vol. 92, No. 4. September 2002.
  • Deaton, Angus (2013). The Great Escape: Health, Wealth, and the Origins of Inequality, Princeton.
  • IMF Staff Discussion Note (2015). Causes and Consequences of Income Inequality: A Global Perspective, Washington D. C..
  • Milanovic, Branko and Christoph Lakner (2015). Global Income Distribution: From the Fall of the Berlin Wall to the Great Recession, in: The World Bank Economic Review, 12. August 2015.
  • OECD (2014). How Was Life? Global Well-being Since 1820, Paris.
  • Piketty, Thomas (2013/2014). Capital in the Twenty-First Century, Paris.
  • Roser, Max (2015a). Child Mortality, Oxford, Ourworldindata.org.
  • Roser, Max (2015b). Inequality Between World Citizens, Oxford, Ourworldindata.org.
  • World Bank (2015). Global Monitoring Report 2015/2016, Washington.

Leiterin Politik und Qualität, Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern