Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Kritiker und Befürworter der Erbschaftssteuer der Erbschaftssteuer führen engagierte Diskussionen. Die Art und die Umstände dieser Steuer, die nach dem Ableben eines Ange­hörigen erhoben wird, machen sie zu einer heiklen und umstrittenen Frage – bei der Erbschaftssteuer ist dies möglicherweise ausgeprägter der Fall als bei anderen Besteuerungsarten. Die ­Kritiker beurteilen sie als unangemessene Steuer, mit der Eltern ­benachteiligt werden, die gut für ihre Kinder sorgen und ihnen ihr Vermögen grosszügig hinterlassen möchten. Nach Auffassung der Befürworter handelt es sich um eine Steuer, mit der eine (allzu) starke Konzentration von Reichtum verhindert wird und die nur wenige ­negative Auswirkungen auf die Sparanstrengungen und die ­Arbeitsleistung hat.

Wie wird die Erbschaftssteuer in der wissenschaftlichen Literatur beurteilt? Welches sind die massgebenden Aspekte gemäss der Wirtschaftstheorie, und welche Ergebnisse der empirischen Forschung liegen zu diesem Bereich vor? Im Zentrum der wirtschaftlichen Betrachtungsweise stehen zwei Konzepte: zum einen die Gerechtigkeit als normatives Kriterium bezüglich der Verteilung des Wohlstands und zum anderen die Effizienz, d. h. das Bestreben, negative Auswirkungen der Erbschaftssteuer auf individuelle Entscheide auf ein Mindestmass zu begrenzen. Da die Gerechtigkeit ein sehr subjektiver Begriff ist, konzentriert sich die wissenschaftliche Literatur weitgehend auf den Aspekt der Effizienz. Dabei geht es um die Frage, welche Auswirkungen die Erbschaftssteuer auf die Entscheide der Individuen in verschiedenen Bereichen hat: Sparanstrengungen, Arbeitsbereitschaft, Mobilität, Steuerumgehung usw. Die theoretischen Modelle bieten eine strukturierte Analyse dieser verschiedenen Mechanismen, während es bei den empirischen Analysen darum geht, die Intensität dieser Mechanismen zu erheben.

Die Theorien der optimalen Besteuerung

Die Theorien der optimalen Besteuerung berücksichtigen die Aspekte der Effizienz und einige normative Aspekte der Gerechtigkeit. Die Ergebnisse dieser Theorien hängen von mehreren Dimensionen ab: insbesondere von den Motiven für die Übertragung von Vermögenswerten im Rahmen eines Nachlasses, von den Beziehungen zwischen der Erbschaftssteuer und anderen Steuern, vor allem der Einkommenssteuer, von den Auswirkungen der Erbschaftssteuer auf das Sparverhalten und die Anhäufung von Vermögen sowie von den gesellschaftlichen Präferenzen bei der Umverteilung von Reichtum.

Verzerrungseffekte auf die ­wirtschaftliche Tätigkeit

In seiner Literaturübersicht fasste Kopczuk (2013) die wichtigsten empirischen Forschungsarbeiten in diesem Bereich zusammen. Der bedeutendste Effekt der Erbschaftssteuer bezieht sich auf die Erbmasse, die an die nächste Generation übergeht, d. h. auf das Vermögen, das während des ganzen Lebens angespart wurde und zum Zeitpunkt des Todes deklariert ist. Aus den Studien zu diesem Thema geht eine signifikante Elastizität der Erbmasse in Bezug auf die Erbschaftssteuer hervor, wobei sie auf Werte zwischen 0,1 und 0,2 begrenzt ist.
Diese Werte beziehen sich auf eine Elastizität der Erbmasse im Verhältnis zu einem «Nettosteuersatz», d. h. auf den Teil der Erbmasse, der nach der Entrichtung der Erbschaftssteuer zur Verfügung steht. Bei einem Steuersatz von 20% würden diese Werte einer Elastizität der Erbmasse im Verhältnis zum Steuersatz von –0,025 und –0,05 entsprechen.

Das Spektrum der gefährdeten Familienunternehmen

Ein Argument, das häufig gegen die Erbschaftssteuer ins Feld geführt wird, bezieht sich auf die Weitergabe von Familienunternehmen von Generation zu Generation. Dabei wird geltend gemacht, die Erben seien mangels liquider Mittel gezwungen, das Unternehmen zu verkaufen. In der wissenschaftlichen Literatur wird dieses Argument nicht gestützt. Zum einen kann theoretisch der Gesamteffekt einer Besteuerung der Übertragung von Familienunternehmen positive Auswirkungen haben, indem dadurch Erben mit beschränkten Fähigkeiten veranlasst werden, die betreffenden Unternehmen nicht zu übernehmen.
Grossmann und Strulik (2010). Zum anderen ist es praktisch unmöglich, empirisch negative Folgen der Erbschaftssteuer im Zusammenhang mit der Weitergabe von Familienunternehmen festzustellen. So haben beispielsweise Holtz-Eakin, Phillips & Rosen (2001) keine Hinweise dafür gefunden, dass die ­Eigentümer von Kleinunternehmen unter Berücksichtigung der erwarteten ­Erbschaftssteuer Lebensversicherungsverträge abschliessen. Im Rahmen einer Studie des Deutschen Finanzministeriums
WBBF (2012). wurden keine Anzeichen dafür festgestellt, dass die Übertragung von Familienunternehmen durch die Besteuerung dieses Vorgangs ernsthaft gefährdet wird. Dies ist auf den einfachen Grund zurückzuführen, dass das Vermögen, das zusätzlich zum im Unternehmen gebundenen Kapital vererbt wurde, in über 98% der familieninternen Unternehmensübertragungen über dem Betrag der Erbschaftssteuer lag.

Nur geringe negative Auswirkungen der Erbschaftssteuer

Bei einer geringen Elastizität des Steuersubstrats – die von der empirischen Forschung bestätigt wird – und einer ungleichen Verteilung der Vermögen hat die Erbschaftssteuer gemäss der modernen Theorie der optimalen Besteuerung eine wichtige Funktion als Einnahmequelle der öffentlichen Hand. Diese Auffassung wird im Übrigen auch von liberalen Ökonomen geteilt. So ist die Erbschaftssteuer beispielsweise laut Avenir Suisse «relativ verzerrungsarm und deshalb grundsätzlich effizient».
Bischofberger und Walser (2012), S. 67. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Erbschaftssteuer ein Segen an sich ist. Sie ist vielmehr wünschenswert, weil mit den erzielten Steuereinnahmen erwiesenermassen nützliche öffentliche Ausgaben finanziert werden können und weil andere Steuern mit eindeutig negativen Begleiterscheinungen durch die Erbschaftssteuer ersetzt werden können.

Grafik 1: «Erzielte Steuereinnahmen mit der Erbschaftssteuer, in % des BIP»

Kasten 1: Steuereinnahmen aus der Erbschaftssteuer im internationalen Vergleich

Steuereinnahmen aus der Erbschaftssteuer im internationalen Vergleich

Die Grafik 1 zeigt die mit der Erbschaftssteuer erzielten Steuereinnahmen in Prozent des BIP in verschiedenen OECD-Ländern. In der Schweiz beliefen sich diese Steuereinnahmen 1990 auf 0,33% des BIP und gingen anschliessend bis 2010 auf 0,17% des BIP zurück. Diese Entwicklung ist hauptsächlich auf die verschiedenen Reformen der Kantonssteuern in den letzten beiden Jahrzehnten zurückzuführen. Aus den internationalen Statistiken gehen grosse Unterschiede hervor. Zahlreiche Länder – die eine heterogene Gruppe bilden, zu der Schweden, Italien, Griechenland und die Vereinigten Staaten gehören – sind wie die Schweiz vorgegangen, indem sie ihre Erbschaftssteuern stark gesenkt haben. In anderen Ländern hingegen – wie beispielsweise in Deutschland, in den Niederlanden und in Belgien – wurde die Erbschaftssteuer erhöht. In den betreffenden OECD-Ländern ist keine Korrelation zwischen der Höhe und Entwicklung dieser Steuer einerseits und dem Wohlstand und Wirtschaftswachstum andererseits ersichtlich.

Kasten 2: Bibliografie

Bibliografie

  • Bischofberger, Alois & Rudolf Walser (2012) Bundeserbschaftssteuer – ein Instrument der Umverteilung mehr. In: Schwarz, Gerhard & Marco Salvi (eds) Steuerpolitische Baustellen, Avenir Suisse, Verlag Neue Zürcher Zeitung.
  • Brülhart, Marius & Raphaël Parchet (2014). Alleged Tax Competition: The Mysterious Death of Bequest Taxes in Switzerland. Journal of Public Economics, 111: 63–78.
  • Cremer, Helmuth & Pierre Pestieau (2006). Wealth Transfer Taxation: a Survey of the Theoretical Literature. In: Kolm, Serge-Christophe & Jean Mercier Ythier (eds) Handbook of the Economics of giving, Altruism and Reciprocity, 2: 1107–1134. Elsevier.
  • Farhi, Emmanuel & Ivan Werning (2010). Progressive Estate Taxation. The Quarterly Journal of Economics, 125(2): 635–673.
  • Grossmann, Volker & Holger Strulik (2010) Should Continued Family Firms Face Lower Taxes Than Other Estates? Journal of Public Economics, 94: 87–101.
  • Kopczuk, Wojciech (2013). Taxation of Intergenerational Transfers and Wealth. In: Edited by Alan Auerbach, Raj Chetty, Martin Feldstein and Emmanuel Saez (Eds.), Handbook of Public Economics, 5: 329–390. Elsevier.
  • Piketty, Thomas & Emmanuel Saez (2013). A Theory of Optimal Inheritance Taxation. Econometrica, 81(5): 1851–1886.
  • Seim, David (2013). Real or Evasion Responses to the Wealth Tax? Theory and Evidence from Sweden. Mimeo, Stockholm University.
  • WBBF (Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium der Finanzen) (2012) Die Begünstigung des Unternehmensvermögens in der Erbschaftssteuer. Bundesministerium der Finanzen, Berlin.

Département d’économétrie et d’économie politique, Universität Lausanne

Professor für Volkswirtschaft, Faculté des Hautes Etudes Commerciales (HEC), Universität Lausanne

Département d’économétrie et d’économie politique, Universität Lausanne

Professor für Volkswirtschaft, Faculté des Hautes Etudes Commerciales (HEC), Universität Lausanne