Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Bei der Arbeitssuche ist es ein klarer Vorteil, über einen grossen Freundes- und Bekanntenkreis zu verfügen. Allerdings wurde die Rolle sozialer Netzwerke bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt bisher kaum wissenschaftlich analysiert. Eine Studie zum Kanton Waadt kommt zum Schluss, dass soziale Kontakte von zentraler Bedeutung sind, auch wenn ihr Einfluss je nach Personengruppe und Branche variiert. Eine Sensibilisierung für die Thematik kann den beruflichen Wiedereinstieg ebenfalls begünstigen.

Personalvermittler sind der Ansicht, dass ein dichtes Beziehungsnetz hilft, die Stellensuche zu verkürzen und betonen generell die grosse Bedeutung informeller Kontakte beim Wiedereingliederungsprozess. Verschiedene Untersuchungen bestätigen diese Einschätzungen. So spielt die Rekrutierung über informelle Kanäle sogar in modernen und formalisierten Arbeitsmärkten wie Schweden oder Deutschland eine enorm wichtige Rolle. Auch wenn die Forschung zu sozialen Netzwerken von Arbeitslosen recht dünn gesät ist, zeigen doch die wenigen einschlägigen Studien, dass ein prall gefülltes Adressbuch die Rückkehr in die Arbeitswelt im Allgemeinen beschleunigt (siehe Kasten 1

Forschungsstand

Im Jahr 1974 publizierte Mark Granovetter mit Getting A Job eine Studie, die als Pionierarbeit gilt. Sie zeigt die überaus wichtige Rolle der Netzwerke bei der Rekrutierung in der US-amerikanischen Stadt Newton auf. Seither gehen die Studien dieses Typs in die Dutzenden. Sie kommen in der Regel zum Schluss, dass eine grosse Zahl von Personen, teilweise gar die Mehrheit, dank ihren Beziehungsnetzen eine neue Stelle gefunden haben.

Die Literatur zur Rolle der sozialen Netze unter den Arbeitslosen ist etwas weniger ergiebig. Korpi (2011) beobachtet anhand von schwedischen Daten, dass Arbeitslose mit grossen Netzwerken und vielen Kontakten im Freundeskreis schneller aus der Arbeitslosigkeit herausfinden als andere Arbeitslose. Im gleichen Sinne schliesst Brandt (2006), dass Arbeitslose, die angeben, über mehr Freunde zu verfügen, schneller eine neue Stelle finden. Dieser Befund wird von Larsen (2008) für dänische Langzeitarbeitslose bestätigt.

Diese Studien erlauben allerdings nicht mit Sicherheit zu sagen, dass Personen mit soliden Netzwerken generell schneller aus der Arbeitslosigkeit herausfinden. Mouw (2013) trägt diesem Aspekt Rechnung und folgert, dass eine gute Vernetzung nicht per se die Wahrscheinlichkeit erhöhe, eine Arbeit zu finden. Die positive Korrelation zwischen Netzwerk sowie Geschwindigkeit und Wahrscheinlichkeit des Findens einer Stelle sei falsch. Sie erkläre sich wahrscheinlich durch Unterschiede in der Persönlichkeit oder anderen nicht beobachtbaren Variablen, welche gleichzeitig auf die Faktoren Netzwerk und Wahrscheinlichkeit des Findens einer Stelle wirken.

).Die hier präsentierte Studie zum Kanton Waadt widmete sich dieser Thematik. Sie hat sich auf folgende Fragen konzentriert:

  • Welche Zusammenhänge bestehen zwischen individuellen Merkmalen (Nationalität, Geschlecht, Bildung, Alter) und Merkmalen von Netzwerken?
  • Welchen Gebrauch machen neu Arbeitslose bei der Arbeitssuche von ihrem Beziehungsnetz?
  • Wie kommen Arbeitssuchende zu einer neuen Stelle, und welche Rolle spielen dabei die Netzwerke?
  • Welchen Einfluss hat eine experimentelle Sensibilisierungsmassnahme auf die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt?

Systematisches Vorgehen

Zielgruppe der Studie waren Personen, welche zwischen Februar und April 2012 neu arbeitslos geworden waren (siehe Grafik 1). Dank dem Amt für Arbeit des Kantons Waadt konnten wir bei den Informationsveranstaltungen zur Arbeitslosenversicherung (Séances d’information collectives sur l’assurance-chômage, Sicorp), die jeweils kurz nach der Anmeldung bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) stattfinden, einen Fragebogen vorlegen. Praktisch alle Teilnehmenden (97%) erklärten sich bereit, die Fragen zum Umfang ihres sozialen Netzwerks, ihrer Suchaktivitäten und anderer relevanter Informationen zu beantworten.Parallel dazu wurde die Hälfte dieser Gruppe für die Bedeutung der sozialen Netzwerke sensibilisiert (Behandlungsgruppe). Die Überprüfung der Wirksamkeit dieser Massnahme erfolgte mittels eines Vergleichs der Resultate mit der anderen Hälfte der an den Informationsveranstaltungen teilnehmenden Personen (Kontrollgruppe). Die Verteilung der Veranstaltungen auf beide Gruppen erfolgte quasi-zufällig.Die Antworten wurden anschliessend mit den administrativen Daten des Seco (Lamda) abgeglichen. Dieser Schritt betraf nur diejenigen Personen, welche dazu ihr Einverständnis gegeben hatten (etwa 3600). Schliesslich erhielten die Teilnehmenden nach Antritt der neuen Stelle einen zweiten Fragebogen zugestellt. Dessen Ziel war es, den Anteil derjeniger Personen abzuschätzen, welche ihre Stelle dank informeller Kontakte gefunden hatten und die Art ihrer Beziehungen zu bestimmen. Die Antwortquote liegt derzeit bei rund 40% (ca. 1300 Personen).

Ungleichheit und Bedeutung der persönlichen Beziehungsnetze

Die Bedeutung der persönlichen Beziehungsnetze ist nicht für alle Personen gleich gross. So suggerieren die Resultate der Studie, dass Frauen und Personen ohne nachobligatorischen Bildung über weniger dichte Netzwerke auf beruflicher, familiärer und freundschaftlicher Ebene verfügen als andere soziale Gruppen. Sie sind auch weniger auf den spezialisierten Internetseiten präsent. Dies bedeutet, dass die Arbeitssuchenden ihre Beziehungsnetze nicht alle gleich nutzen können und somit auch nicht von identischen Ressourcen profitieren.Mit dem zweiten Fragebogen tritt deutlich zutage, dass zu den effizientesten Kontakten jene Personen zählen, die in der gleichen Branche wie die Arbeitssuchenden tätig sind. Das trifft speziell auf ehemalige Arbeitskollegen – hauptsächlich Kader – oder andere berufliche Bekanntschaften zu. Folglich sollte sich die netzwerkbasierte Arbeitssuche auf Personen abstützen, die in irgendeiner Form mit der Arbeitswelt verbunden sind und somit über nützliche Informationen zur Wiedereingliederung verfügen. Die Analyse konnte einige Faktoren identifizieren, welche die Arbeitslosen zum Gebrauch ihres Netzwerks animieren. Dazu gehört das Ausmass der Anstrengung während der Arbeitssuche, die Grösse des Netzwerks und insbesondere die Einschätzung von dessen Bedeutung. Eine Rolle spielt auch die Fähigkeit, mit seinem Umfeld über die persönliche Lage sprechen zu können. Diese Resultate sind ein Hinweis darauf, dass die Arbeitslosen die Bedeutung der Netzwerke unterschiedlich einschätzen und sich dies auf ihr Verhalten auswirkt. Deshalb sollten alle Arbeitslosen entsprechend sensibilisiert werden, damit sie sich der Bedeutung der Netzwerke bei der Stellensuche bewusst werden.Die Bedeutung von Netzwerken unterscheidet sich auch stark je nach Branche. Generell sind schwach qualifizierte Personen mehr von informellen Kontakten abhängig, um zu einer neuen Stelle zu gelangen (siehe Grafik 2). Eine Differenzierung der Antworten je nach Sektor zeigt, dass das persönliche Beziehungsnetz in Branchen mit einem hohen Anteil an unqualifizierten Arbeitsplätzen das hauptsächliche Mittel ist, um an eine Stelle zu gelangen. Das betrifft die Landwirtschaft, die Baubranche sowie Hotellerie und Restauration. In diesen drei Branchen geben die Mehrzahl der Antwortenden an, die letzte Stelle dank ihrer Beziehungen erhalten zu haben.

Wertvolle Hilfe zur Beendigung der Arbeitslosigkeit

Von den 750 Arbeitslosen, welche innerhalb der ersten 9–11 Monate eine neue Stelle fanden, haben 31% von einem Netzwerk profitiert. Noch höher ist der Anteil derjeniger, die ihre letzte Arbeitsstelle über einen persönlichen Kontakt fanden (rund 44%).Zwei Gruppen scheinen bei ihrer Suche häufig von sozialen Netzwerken zu profitieren: Arbeitslose mit mehr als 45 Jahren und Angehörige von Staaten, die häufig auf dem waadtländischen Arbeitsmarkt vertreten sind (z.B. Franzosen, Portugiesen). Da erstere stark von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind, ist für sie ein Netzwerk besonders wertvoll. Dank ihrer langjährigen Berufstätigkeit können sie überdies ihre zahlreichen Unternehmenskontakte ausspielen, was die Rückkehr in die Arbeitswelt begünstigt.

Sensibilisierung für die Bedeutung der Netzwerke

Auf der Basis unserer Erfahrungen empfehlen wir, eine gezielte Information zur Bedeutung von Netzwerken in die Informationsveranstaltungen zur Arbeitslosenversicherung zu integrieren. Das bestehende Dispositiv erwähnt diesen Kanal nur als eine unter zahlreichen Möglichkeiten der Arbeitssuche. Die hier präsentierte Studie zeigt, dass mit etwas mehr Zeitaufwand zur Diskussion der Rolle von Beziehungsnetzen die berufliche Wiedereingliederung für bestimmte Gruppen erleichtert werden kann. Insbesondere Frauen könnten davon profitieren (siehe Grafik 3). Entsprechend schätzt eine überwiegende Mehrheit der an der Studie beteiligten RAV-Beraterinnen und -Berater (32 von 38), dass die Sensibilisierung für soziale Netze die Chancen bei der Arbeitssuche für diejenigen, die daran teilgenommen haben, erhöht hat. Diese aus einer Reihe von Diapositiven bestehende Massnahme kann natürlich überarbeitet, verkürzt und gezielter auf die beruflichen Beziehungen als wichtigste Kontakte ausgerichtet werden. Der Ablauf der Informationsveranstaltungen würde damit nur sehr geringfügig abgeändert – und dennoch gewissen Untergruppen erlauben, ihre sozialen Netzwerke vermehrt gewinnbringend einzusetzen.

Grafik 1: «Prozess und verfügbare Stichproben»

Grafik 2: «Wahrscheinlichkeit für einen männlichen Arbeitslosen ohne post-obligatorische Bildung, dank Netzwerk eine Stelle zu finden»

Grafik 3: «Anteile arbeitsloser Personen nach Dauer und Bezugsgruppe»

Kasten 1: Forschungsstand

Forschungsstand

Im Jahr 1974 publizierte Mark Granovetter mit Getting A Job eine Studie, die als Pionierarbeit gilt. Sie zeigt die überaus wichtige Rolle der Netzwerke bei der Rekrutierung in der US-amerikanischen Stadt Newton auf. Seither gehen die Studien dieses Typs in die Dutzenden. Sie kommen in der Regel zum Schluss, dass eine grosse Zahl von Personen, teilweise gar die Mehrheit, dank ihren Beziehungsnetzen eine neue Stelle gefunden haben.

Die Literatur zur Rolle der sozialen Netze unter den Arbeitslosen ist etwas weniger ergiebig. Korpi (2011) beobachtet anhand von schwedischen Daten, dass Arbeitslose mit grossen Netzwerken und vielen Kontakten im Freundeskreis schneller aus der Arbeitslosigkeit herausfinden als andere Arbeitslose. Im gleichen Sinne schliesst Brandt (2006), dass Arbeitslose, die angeben, über mehr Freunde zu verfügen, schneller eine neue Stelle finden. Dieser Befund wird von Larsen (2008) für dänische Langzeitarbeitslose bestätigt.

Diese Studien erlauben allerdings nicht mit Sicherheit zu sagen, dass Personen mit soliden Netzwerken generell schneller aus der Arbeitslosigkeit herausfinden. Mouw (2013) trägt diesem Aspekt Rechnung und folgert, dass eine gute Vernetzung nicht per se die Wahrscheinlichkeit erhöhe, eine Arbeit zu finden. Die positive Korrelation zwischen Netzwerk sowie Geschwindigkeit und Wahrscheinlichkeit des Findens einer Stelle sei falsch. Sie erkläre sich wahrscheinlich durch Unterschiede in der Persönlichkeit oder anderen nicht beobachtbaren Variablen, welche gleichzeitig auf die Faktoren Netzwerk und Wahrscheinlichkeit des Findens einer Stelle wirken.

Kasten 2: Literatur

Literatur

  • Brandt M., Soziale Kontakte als Weg aus der Erwerbslosigkeit, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 58, Heft 3, 2006.
  • Korpi T., Good Friends in Bad Times? Social Networks and Job Search Among the Unemployed, Acta Sociologica, Bd. 44, 2001, S. 159–169.
  • Larsen C., Networks Versus Economic Incentives, CCWS Working Paper Nr. 2008–59, Aalborg University, 2008.
  • Mouw T., Social Capital and Finding a Job: Do Contacts Matter?, in: American Sociological Review, 68, 2003.

Volkswirtschaftsprofessor, Universität Lausanne

Professor für Politische Ökonomie an der Universität Lausanne

Professor für Politische Ökonomie an der Universität Lausanne

Professor für Politische Ökonomie an der Universität Lausanne

Volkswirtschaftsprofessor, Universität Lausanne

Professor für Politische Ökonomie an der Universität Lausanne

Professor für Politische Ökonomie an der Universität Lausanne

Professor für Politische Ökonomie an der Universität Lausanne