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Das Bedürfnis, aus den Finanzmarkt-Turbulenzen der letzten Monate Lehren für die Regulierung abzuleiten, ist legitim. Selbstverständlich wird auch der Banken- und Finanzsektor selbst Lehren ziehen müssen. Allerdings braucht es dazu eine sorgfältige Analyse und Beurteilung der Lage. Insofern ist ausdrücklich davor zu warnen, aus der aktuellen Situation voreilige Lehren und regulatorische Verfeinerungen ableiten zu wollen. Wie in der Medizin kann eine wirkungsvolle Therapie erst auf der Basis einer seriösen Diagnose erfolgen. Dabei ist den Aspekten der Wettbewerbsfähigkeit von Finanzplätzen und der internationalen Koordination regulatorischer Eingriffe die nötige Beachtung zu schenken.

Während und nach den Ereignissen an den Finanzmärkten der letzten Zeit herrschte Konsens darüber, dass der Ableitung von Implikationen für die Regulierung und Aufsicht eine sorgfältige und systematische Standortbestimmung und Problemdiagnose vorangehen müsse. Mittlerweile melden sich Zentralbanken, Aufsichtsbehörden und Organisatio-nen des Finanzmarkts mit einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Vorschläge zur Verschärfung der Banken- und Finanzmarktregulierung und mit Rezepten zur Prävention und Verhinderung zukünftiger Krisen zurück. Es besteht die ernst zu nehmende Gefahr, dass die ursprünglich beabsichtigte Auslegeordnung und Variantenprüfung nun doch dem Wunsch nach schnellen und griffigen Reaktionen zum Opfer fällt. Die wichtige Lehre aus vergangenen Krisen, dass ereignisgetriebene Regulierung in der Regel wenig zielführend ist, droht dabei vergessen zu werden.

Eine Lehre kommt selten allein

Die Vorschläge für Konsequenzen aus der Subprime-Krise betreffen unterschiedliche Bereiche wie beispielsweise die Anforderungen an Eigenkapital und Liquidität, Aspekte von Anreizsystemen, Risikomanagement und Risikokontrolle oder die Rolle von Ratingagenturen. An dieser Stelle können exemplarisch nur einzelne grundsätzliche Lehren erwähnt werden: – Systemrisiken im Sinne von mikroökonomischen Kettenreaktionen und makroökonomischen Korrelationen sind kein Phantom, sondern können ein wichtiges Motiv für die Regulierung von Banken darstellen.  – Solche systemischen Risiken weisen typischerweise eine internationale Dimension auf. Deshalb kommt der Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen für die Koordination und Zusammenarbeit nationaler Regulierungsinstanzen bei der Abwehr und Bewältigung von Krisen entscheidende Bedeutung zu. – Auch der in hohem Masse regelbasierte Regulierungsansatz der USA hat die Finanzkrise nicht verhindern können. Diese Erkenntnis ist für die Beurteilung der für die Schweiz typischen prinzipienbasierten Ausrichtung der Regulierung von Interesse.

Warnung vor voreiligen Regulierungen

Als illustratives Beispiel sei hier der Bereich der Eigenkapitalregulierung aufgeführt. Bekanntlich bestehen in der Schweiz Vorhaben zur massiven Verschärfung der bestehenden Bestimmungen sowie zur Einführung einer sogenannten «Leverage Ratio»: Für das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Bilanzsumme einer Bank soll eine verbindliche Untergrenze definiert werden. Dieser Ansatz verfolgt eine ganz andere Stossrichtung als die erst kürzlich umgesetzten Anforderungen von Basel II. Während dort die Risikogewichtung und das Bemühen um Risikosensitivität im Zentrum stehen, verzichtet die Leverage Ratio gänzlich darauf. Der Ansatz besticht durch Einfachheit und Transparenz, birgt aber die Gefahr einer «Asset Substitution» mit unerwünschten Risikowirkungen. Die Abwägung von Vor- und Nachteilen einer Eigenkapitalregulierung ohne Risikogewichtung ist somit aus konzeptioneller Sicht nicht eindeutig.

Riskante Korrekturen

Aus der aktuellen Finanzkrise direkte Schlussfolgerungen für punktuelle und rasche Regulierungsmassnahmen ableiten zu wollen, ist heikel. Zwischen der Dynamik moderner Finanzmärkte und ihrer regulatorischen Behandlung herrscht ein permanenter Wettlauf mit geringen Chancen für die vollständige Elimination von Restrisiken. Auch besteht die Gefahr, dass sich Marktteilnehmer und Publikum durch regulatorische Perfektionierung in möglicherweise falscher Sicherheit vor inskünftigen Krisensituationen wiegen könnten. Vor allem aber stellt das Verhalten von Banken, welches mit regulatorischen Interventionen zu steuern versucht wird, ein bewegliches Ziel dar, das sensitiv auf Veränderungen reagiert. Die Wahrscheinlichkeit wäre hoch, dass übereilte Korrekturmassnahmen gerade die Samen für eine nächste Finanzkrise beinhalten könnten. Allfälligen Verschärfungen der Bankenregulierung muss deshalb eine systematische Abwägung von Nutzen und Kosten vorangehen.

Mitglied der Direktion, Schweizerische Bankiervereinigung, Basel, und Lehrbeauftragter für Banken- und Finanzmarktregulierung, Universität Basel

Mitglied der Direktion, Schweizerische Bankiervereinigung, Basel, und Lehrbeauftragter für Banken- und Finanzmarktregulierung, Universität Basel