Die Volkswirtschaft

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In den letzten beiden Jahrzehnten fand in der Entwicklung der internationalen Einkommensverteilung eine Trendwende statt. Die Einkommensungleichheit hat in verschiedenen Industrie- und gewissen Entwicklungsländern wieder zugenommen, während sie zuvor während Jahrzehnten teilweise stark gesunken war. Die Forschungsliteratur hat eine Reihe von Faktoren identifiziert, die für diese Entwicklung und die Erklärung der Unterschiede zwischen einzelnen Ländern verantwortlich gemacht werden können. Dazu gehören die ökonomische Struktur und deren Veränderung, institutionelle Rahmenbedingungen sowie Unterschiede bei der Steuer-, Sozial- und Bildungspolitik.

Die Verteilung von Einkommen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Klassen sowie damit zusammenhängende Fragen von Armut und Wirtschaftsentwicklung gehören seit jeher zu den Grundfragen der Ökonomie. Schon die «Klassiker» wie David Ricardo und Karl Marx haben sich mit Verteilungsfragen beschäftigt. In jüngerer Zeit haben Verteilungsfragen unter anderem in der Entwicklungsökonomie, im Bereich der Wachstumstheorie und in der Neuen Politischen Ökonomie einen wichtigen Stellenwert als Forschungsgegenstand erlangt. In der modernen Forschung steht weniger die Einkommensverteilung zwischen verschiedenen Gruppen oder Klassen, sondern die personelle Einkommensverteilung im Vordergrund des Interesses. Diese kann auf unterschiedliche Weise gemessen werden, wobei der Gini-Koeffizient und Einkommensquantile am häufigsten verwendet werden (siehe Kasten 1 Methoden zur Messung der Einkommensverteilung

Gini-Koeffizient

Der Gini-Koeffizient ist ein Mass der relativen Konzentration bzw. Ungleichheit und kann einen Wert zwischen 0 (Gleichverteilung) und 1 (maximale Ungleichheit) annehmen. Er basiert auf der Lorenz-Kurve, welche von den Einkommensschwächsten beginnend die aufsummierten Bevölkerungsanteile im Verhältnis zum aufsummierten Anteil des von ihnen erzielten Gesamteinkommens darstellt. Bei absolut gleichmässiger Verteilung der Einkommen ergäbe die Lorenzkurve eine mit 45 Grad ansteigende Gerade (Linie der perfekten Gleichverteilung). Die Abweichung der tatsächlichen Kurve von dieser Ideallinie wird durch den Gini-Koeffizienten gemessen. Im Falle der Gleichverteilung ergibt sich für den Gini-Koeffizienten ein Wert von 0 und im Falle der Konzentration des gesamten Einkommens auf nur eine Person ein Wert von 1. Eine Zunahme des Gini-Koeffizienten bedeutet somit eine Zunahme der Einkommensungleichheit. Trotz verschiedener Einschränkungen ist der Gini-Koeffizient der am häufigsten verwendete Indikator für die Messung der Einkommensverteilung in den meisten Ländern und wird von allen internationalen Organisationen verwendet.

Einkommensquantile

Sie geben den prozentualen Anteil am Gesamteinkommen einer bestimmten Gruppe an, also z.B. den Anteil, den die 10% höchsten Einkommensbezieher erzielen. Das 90/10-Verhältnis zeigt das Verhältnis des Gesamteinkommens der 10% Einkommensstärksten zu jenem der 10% Einkommensschwächsten. Es wird oftmals in internationalen Statistiken gemeinsam mit dem Gini-Koeffizienten ausgewiesen.).

Verteilungsdaten der Weltbank

Die Weltbank erhebt seit Jahren Einkommensverteilungsdaten für eine grosse Anzahl von Ländern. Verschiedene Qualitätsstandards sollen dabei die Vergleichbarkeit dieser Daten sicherstellen. Die Gini-Koeffizienten wurden in der Regel aus Haushaltsstudien hergeleitet und beziehen sich auf das Haushaltseinkommen. Bei Entwicklungsländern wurde wegen Datenmangels teilweise der Konsum anstelle des Einkommens zur Messung des Gini-Koeffizienten verwendet. Tabelle 1 zeigt eine Auswahl von Einkommensverteilungsdaten der Weltbank aus dem World Development Report 2006, wobei für jede Region jeweils die Länder mit der tiefsten und der höchsten Einkommensungleichheit sowie ausgewählte andere Länder dargestellt werden.  Die Länder mit der weltweit tiefsten Einkommensungleichheit sind Ungarn und Taiwan mit einem Gini-Koeffizienten von jeweils 0,24. Die grössten Einkommensdisparitäten sind in Namibia zu finden, wo der Gini-Koeffizient 0,70 beträgt. In Taiwan verfügen die 10% Reichsten über insgesamt knapp dreimal so viel Einkommen wie die 10% Ärmsten der Bevölkerung, während es in Haiti (Einkommensquantile für Namibia werden im Bericht nicht ausgewiesen) über 45-mal mehr sind.  Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und innerhalb der Länder sind in den westlichen Industrieländern und in den ehemals kommunistischen osteuropäischen Staaten am geringsten, gefolgt von Asien. Am grössten sind diese Unterschiede in Afrika und der Region Lateinamerika/Karibik.

Entwicklung der globalen Einkommensverteilung

Erst die Verfügbarkeit von detaillierten Längsschnittdaten hat es in jüngster Zeit erlaubt, die historische Entwicklung der Einkommensverteilung in einzelnen Ländern über mehrere Jahre vertieft zu untersuchen. Dies wurde bisher für eine Reihe von Industrieländern durchgeführt. Vgl. Piketty, T.: Income Inequality in France 1901-1998, Journal of Political Economy 111, 2003, S. 1004-1042; Piketty, T., Saez, E.: Income Inequality in the United States, 1913-1998, Quarterly Journal of Economics 118/1 2003; Atkinson, A. B.: Income Inequality in OECD Countries: Data and Explanations, CESifo Working Paper 881, Februar 2003; Dell, F., Piketty, T., Saez, E.: Income and Wealth Concentration in Switzerland over the 20th Century, CEPR Discussion Paper Nr. 5090, 2005. Diese Studien finden in allen untersuchten Ländern eine starke Abnahme der Einkommensungleichheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In Frankreich und den USA verdiente beispielsweise das reichste Prozent der Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 20% des gesamten Einkommens. Ende der Siebzigerjahre ist dieser Anteil in beiden Ländern auf ca. 8% geschrumpft. Die Erfahrungen anderer Länder – wie Holland, Grossbritannien und Kanada – folgen einem ähnlichen Verlauf und zeigen damit einen umgekehrt U-förmigen Verlauf der Einkommensverteilung im Entwicklungsprozess, wie dies 1955 von Simon Kuznets postuliert wurde (siehe Kasten 2 1955 formulierte Simon Kuznets seine Hypothese einer umgekehrt U-förmigen Beziehung zwischen Wachstum und Einkommensverteilung. Anhand von verschiedenen empirischen Daten für einzelne Länder vermutete er, dass die Einkommensungleichheit in einem Land in einer ersten Entwicklungsphase zunimmt, einen Höhepunkt erreicht und danach wieder abnimmt. Er begründete dies anhand von Bevölkerungsverschiebungen zwischen einem traditionellen Agrar- und einem modernen Industriesektor. Einerseits nehmen die Ungleichheiten zwischen den Sektoren während des Entwicklungsprozesses zu; andererseits steigt das Gewicht des «ungleicheren» Industriesektors, in welchem nicht für alle gleiche Subsistenzlöhne bezahlt werden, sondern sich die Löhne nach dem Grenzprodukt der Arbeit richten. Gemäss Kuznets wird die Einkommensungleichheit erst sinken, wenn alle Teile der Arbeiterklasse in die politische und ökonomische Struktur eines Landes integriert sind und politischen Einfluss gewinnen. Die Trendumkehr zu weniger Ungleichheit würde dann unter anderem durch stärkere Regulierungen (Tarifverträge, gewerkschaftliche Organisation, gesetzliche Vorschriften) und staatliche Umverteilungsmassnahmen bestimmt.). Seit den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren sind die Ländererfahrungen jedoch unterschiedlich. So zeigen verschiedene Studien einen Anstieg der Einkommensungleichheit erst in den USA und Grossbritannien, etwas später auch in Schweden, Holland, Norwegen, Frankreich, Australien und Japan. Vgl. Gottschalk, P., Smeeding, M.: Empirical Evidence on Income Inequality in Industrial Countries, in: Atkinson, A.B., Bourgignon, F. (Hrsg.): Handbook of Income Distribution, Bd. 1, Handbooks in Economics 16, Amsterdam 2000, S. 261-308; Atkinson (2003); Francois, J. F., Rojas-Romagosa, H.: The Construction and Interpretation of Combined Cross-Section and Time-Series Inequality Datasets, World Bank Policy Research Working Paper 3748, Oktober 2005. Neuere Studien finden ähnliche Tendenzen auch in Entwicklungsländern: In Indien sind die Anteile der reichsten Einkommensbezieher seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis ca. 1980 stetig gefallen und in den letzten beiden Jahrzehnten wieder stark angestiegen. Vgl. World Bank (2005), Equity and Development. World Development Report 2006, Oxford; Bertola, G., Foellmi, R., Zweimüller, J.: Income Distribution in Macroeconomic Models, Princeton/Oxford 2006. Die Autoren sprechen aufgrund dieser Entwicklung von einem «Great U-Turn», bei dem die Einkommensungleichheit in den Industrieländern und gewissen Entwicklungsländern nach einer kontinuierlichen Abnahme ab 1945 seit den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren wieder zunimmt. Vgl. Francois und Rojas-Romagosa (2005).  Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die weltweiten Einkommensunterschiede vor allem durch Einkommensunterschiede innerhalb der einzelnen Länder verursacht. Der Industrialisierungsprozess hat in der Folge die Ungleichheit zwischen den Ländern bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts stark erhöht. In den letzten Jahrzehnten hat die Ungleichheit zwischen den Ländern abgenommen (wobei vor allem die Entwicklungen von China und Indien eine wichtige Rolle gespielt haben), während die Ungleichheit innerhalb der einzelnen Länder wieder zugenommen hat. Vgl. Heshmati, A.: The Relationship between Income Inequality and Globalization, The United Nations University, April 2003. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts besteht die weltweite Ungleichheit zu ca. 60% aus Ungleichheit zwischen den Ländern und zu ca. 40% aus Ungleichheit innerhalb einzelner Länder. Vgl. Bertola et al. (2006).

Beziehung zwischen Entwicklungsstand und Einkommensverteilung

Die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Einkommensverteilung und Wachstum hat seit Mitte der Fünfzigerjahre als Folge der Kuznets-Hypothese und der zunehmenden Verfügbarkeit von Einkommensverteilungsdaten einen regelrechten Boom erlebt. Während die älteren Querschnittsstudien noch klare Hinweise für eine Kuznetskurve gefunden haben, kamen die neueren Studien, die besseres Datenmaterial verwenden konnten, zu keinen eindeutigen Ergebnissen mehr. Vgl. Deininger, K., Squire, L.: A New Data Set Measuring Income Inequality, World Bank Economic Review 10/3, 1996, S. 565-591. Die Forschungsliteratur war in der Lage, gewisse Einflussfaktoren auf die Einkommensverteilung – wie Landbesitz, Bildung und Bevölkerungswachstum – zu identifizieren. Die meisten Autoren sind sich zudem einig, dass nicht der Entwicklungsstand, sondern die ökonomische Struktur, das geografische und historische Erbe der untersuchten Länder und insbesondere die Sozial-, Steuer- und Bildungspolitik die wichtigsten Bestimmungsfaktoren der Einkommensverteilung sind. Vgl. Kanbur, R.: Income Distribution and Development, in: Atkinson, A.B. und Bourgignon, F. (Hrsg.): Handbook of Income Distribution, Volume 1. Handbooks in Economics 16, Amsterdam 2000, S. 791-841. In den letzten Jahren hat das Interesse an der Kuznetskurve abgenommen. Die Beziehung zwischen Wachstum und Einkommensverteilung wurde unter einem neuen Blickwinkel betrachtet, indem verschiedene Forscher begonnen haben, die Auswirkungen einer bestimmten Einkommensverteilung auf die Wachstumsrate zu untersuchen. Für einen Überblick vgl. Perotti, R. (1996), Growth, Income Distribution and Democracy: What the Data Say, Journal of Economic Growth 1, S. 149-187; Bertola et al. (2006). In diesen Studien wurden verschiedene Verbindungen zwischen Einkommensverteilung und Wachstum identifiziert. Eine ungleiche Einkommensverteilung kann beispielsweise aufgrund verzerrender Effekte von Staatsausgaben und Steuern auf Investitions- und Sparentscheidungen einen negativen Einfluss auf das Wachstum haben. Eine weitere Verbindung zwischen Ungleichheit und Wachstum besteht durch die Stabilität von Eigentumsrechten, wobei höhere Einkommensungleichheit durch soziale Polarisation einen negativen Einfluss auf die Stabilität der Eigentumsrechte und somit auf die Wachstumsrate haben kann. Weitere identifizierte Einflussfaktoren sind Bildung und Fruchtbarkeit, Unvollkommenheiten der Kapitalmärkte, Humankapitalinvestitionen sowie Nachfrageeffekte.  Die meisten Studien kommen zum Schluss, dass eine ausgeglichenere Einkommensverteilung einen positiven Einfluss auf die Wachstumsrate einer Volkswirtschaft hat, während eine ungleiche Einkommensverteilung Wachstum negativ beeinflussen kann. Diese Erkenntnisse standen in einem gewissen Widerspruch zur damals vorherrschenden Meinung, Einkommensungleichheit sei eine notwendige Bedingung für Wachstum, da nur so die richtigen Arbeits-, Spar- und Investitionsanreize gesetzt würden.

Führt die Globalisierung zu einer Verschärfung der Ungleichheiten?

Warum hat die Einkommensungleichheit – entgegen den Voraussagen von Kuznets – in den letzten beiden Jahrzehnten in verschiedenen Industrie- und Entwicklungsländern wieder zugenommen? Eine mögliche Erklärung für diese Trendumkehr wurde in der zunehmenden Globalisierung – verstanden als Integration von Volkswirtschaften und Gesellschaften durch länderübergreifende Ströme von Informationen, Ideen, Aktivitäten, Technologien, Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Personen – gesucht. Verschiedene Studien haben sich mit den Auswirkungen von Globalisierung auf die Einkommensverteilung befasst.  Gemäss diesen Studien hat Globalisierung allein keine Auswirkungen auf die Einkommensverteilung: Eine systematische Beziehung zwischen Indikatoren von Globalisierung (Handel, Auslandsinvestitionen und Finanzflüsse) und der Verteilung von Einkommen wurde nicht gefunden. Vgl. Heshmati 2003, Glaeser, E. L.: Inequality, HIER Discussion Paper 2078, Juli 2005; Nollmann, G.: Erhöht Globalisierung die Ungleichheit der Einkommen? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 58/4, 2006, S. 638-659; Harjes, T.: Globalization and Income Inequality: A European Perspective, IMF Working Paper 169, Juli 2007. Der erneute Anstieg der Lohn- und Einkommensungleichheit in Industrieländern wird vor allem durch den technologischen Wandel erklärt, der qualifizierte Arbeitskräfte gegenüber unqualifizierten bevorzugt. Insgesamt werden als Gründe für den Anstieg der Lohnungleichheit die zunehmende Nachfrage nach qualifizierter Arbeit, der technologische Wandel, der mit der Globalisierung zunehmende Aussenhandel, der Strukturwandel von einer Industriein eine Dienstleistungsgesellschaft, die abnehmende Macht der Gewerkschaften (insbesondere in den USA und Grossbritannien), Veränderungen von sozialen Normen sowie Privatisierungs- und Deregulierungsmassnahmen in Industrieländern genannt. Internationale Handelsströme, Auslandinvestitionen und Migration können dabei nur einen sehr beschränkten Teil der Erhöhung der Einkommensungleichheit erklären. Vgl. Cornia, G.A.: The Impact of Liberalisation and Globalisation on Income Inequality in Developing and Transitional Economies, CESifo Working Paper 843, Januar 2003; Glaeser (2005); Harjes (2007); Nollmann (2006). Die meisten dieser Gründe gelten auch für Schwellen- und Entwicklungsländer, wobei dort zusätzlich Strukturanpassungs- und Liberalisierungsmassnahmen für eine Verschärfung der Einkommensungleichheiten in den letzten 20 Jahren verantwortlich gemacht werden. Vgl. Cornia (2003). Die Globalisierung hat also gemäss diesen Studien lediglich einen kleinen Einfluss auf die Einkommensverteilung. Viel wichtiger sind der technologische Wandel und strukturelle Veränderungen beim Übergang einer Industriein eine Dienstleistungsgesellschaft, mit denen Veränderungen von Arbeitsangebot und -nachfrage sowie Arbeitsmarktinstitutionen verbunden sind. Schliesslich haben Politikmassnahmen – wie Landreformen, Bildungsanstrengungen, Regional-, Steuer- und Sozialpolitik – einen Einfluss darauf, wie stark die Auswirkungen des technologischen Wandels in den einzelnen Ländern sind.

Welche Rolle spielt die Politik?

Neben der Bereitstellung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen sind die Regierungen aller Staaten weltweit mit der Umverteilung von Einkommen durch Transfers, Steuern und gesetzgeberische Massnahmen beschäftigt. Die normative Umverteilungstheorie und die Grundprinzipen des modernen Wohlfahrtsstaats propagieren eine Umverteilung von reich zu arm: Politische Umver-teilungsmassnahmen sollten zu einer aus-geglicheneren Einkommensverteilung führen. Die ersten polit-ökonomischen Umverteilungsmodelle – wie das Medianwählermodell – versuchten, dies auf einer positiven Ebene zu erklären. In der Realität macht hingegen die Umverteilung von reich zu arm nur einen kleinen Teil der existierenden Umverteilung aus. Vgl. Mueller, D. C.: Public Choice III, Cambridge 2004; Tullock, G.: Economics of Income Distribution, 2. Ausgabe, Dordrecht 1997. In polit-ökonomischen Modellen wird Umverteilung als Resultat eines politischen Kampfes zwischen rationalen, nutzenmaximierenden Wählern, Interessengruppen, Politikern und Bürokraten interpretiert. Gemäss diesen Modellen geht der grösste Teil der Transfers an politisch einflussreiche und gut organisierte Gruppen – auf Kosten derjenigen, die am wenigsten in der Lage sind, die Transfers zu bekämpfen. Vgl. Tullock (1997). Politischer Einfluss ergibt sich dabei durch Partizipation und Organisation von Interessengruppen. Empirische Studien zeigen, dass der grösste Teil von Regierungsprogrammen an gesellschaftliche Gruppen gelangt, die gut organisiert und politisch einflussreich sind. Vgl. Tullock (1997). Gemäss diesen Modellen spielen also vor allem die Machtverteilung in einer Gesellschaft und die Partizipation im politischen Prozess eine Rolle bei der Bestimmung der Einkommensverteilung. Neben dem politischen Prozess selbst wurde auch die Rolle von Institutionen und Rahmenbedingungen auf die Einkommensverteilung untersucht. Für einen Überblick vgl. Baur, M.: Einkommensverteilung: Konzepte, Fakten und Theorien, Arbeitspapier der ESTV, Bern 2007. Im Blickpunkt standen dabei Eigentumsrechte und Marktfreiheit, Ideologien und Religionen, historische Demokratisierungsmassnahmen, politische Partizipation in Form von Wahlbeteiligung und Organisation der Interessengruppen sowie die unterschiedlichen politischen Systeme (Demokratie/Diktatur, Mehrheits-/Verhältniswahlrecht, präsidiale/parlamentarische Systeme, direkte/repräsentative Demokratie). Studien, welche die Auswirkungen von aggregierten Demokratiemassen auf die Einkommensverteilung untersuchen, erzielen keine eindeutigen Ergebnisse. Überzeugendere Resultate präsentieren hingegen Studien, die sich mit spezifischen Aspekten von Demokratie – wie Chancengleichheit oder Partizipation der Bevölkerung im politischen Prozess – beschäftigen. Im Allgemeinen scheinen die politischen Rahmenbedingungen sowie die Partizipation der Bevölkerung in Form von Wahlbeteiligung und Organisation von Interessengruppen eine wichtige Rolle bei der Bestimmung der Einkommensverteilung zu spielen.

Fazit

Während Jahren herrschte die Ansicht vor, dass sich die Einkommensverteilung – zumindest in den Industrieländern – entlang einer Kuznetskurve entwickle und stetig abnehme. Neuere Studien zeigen jedoch, dass die Einkommensverteilung in vielen Industrieländern wie auch in gewissen Entwicklungsländern in den letzten Jahren wieder ungleicher geworden ist. Die Gründe dafür liegen weniger in der Globalisierung als vielmehr im Strukturwandel beim Übergang von einer Industriein eine Dienstleistungsgesellschaft und damit einhergehenden politischen Veränderungen. Obwohl über die tatsächlichen Bestimmungsfaktoren der Einkommensverteilung in der empirischen Forschung keine Einigkeit herrscht, konnten doch einzelne Faktoren identifiziert werden, die einen Einfluss auf die Einkommensverteilung haben können. Im internationalen Vergleich stehen neben dem geografischen und historischen Erbe der einzelnen Länder Faktoren wie Landbesitz, Bildung, Bevölkerungswachstum, technologischer und struktureller Wandel, politische Rahmenbedingungen, das Ausmass der politischen Partizipation der Bevölkerung und die verfolgte Steuer-, Sozial- und Bildungspolitik im Vordergrund. Gleichzeitig konnte gezeigt werden, dass eine ausgeglichene Einkommensverteilung einen positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben kann. Dies deutet darauf hin, dass nicht notwendigerweise ein Trade-off zwischen Umverteilung und Wachstum besteht.

Tabelle 1 «Einkommensverteilungsdaten von 50 Ländern im Vergleich»

Kasten 1: Methoden zur Messung der Einkommensverteilung Gini-Koeffizient

Der Gini-Koeffizient ist ein Mass der relativen Konzentration bzw. Ungleichheit und kann einen Wert zwischen 0 (Gleichverteilung) und 1 (maximale Ungleichheit) annehmen. Er basiert auf der Lorenz-Kurve, welche von den Einkommensschwächsten beginnend die aufsummierten Bevölkerungsanteile im Verhältnis zum aufsummierten Anteil des von ihnen erzielten Gesamteinkommens darstellt. Bei absolut gleichmässiger Verteilung der Einkommen ergäbe die Lorenzkurve eine mit 45 Grad ansteigende Gerade (Linie der perfekten Gleichverteilung). Die Abweichung der tatsächlichen Kurve von dieser Ideallinie wird durch den Gini-Koeffizienten gemessen. Im Falle der Gleichverteilung ergibt sich für den Gini-Koeffizienten ein Wert von 0 und im Falle der Konzentration des gesamten Einkommens auf nur eine Person ein Wert von 1. Eine Zunahme des Gini-Koeffizienten bedeutet somit eine Zunahme der Einkommensungleichheit. Trotz verschiedener Einschränkungen ist der Gini-Koeffizient der am häufigsten verwendete Indikator für die Messung der Einkommensverteilung in den meisten Ländern und wird von allen internationalen Organisationen verwendet.

Einkommensquantile

Sie geben den prozentualen Anteil am Gesamteinkommen einer bestimmten Gruppe an, also z.B. den Anteil, den die 10% höchsten Einkommensbezieher erzielen. Das 90/10-Verhältnis zeigt das Verhältnis des Gesamteinkommens der 10% Einkommensstärksten zu jenem der 10% Einkommensschwächsten. Es wird oftmals in internationalen Statistiken gemeinsam mit dem Gini-Koeffizienten ausgewiesen.

Kasten 2: Kuznets-Kurve 1955 formulierte Simon Kuznets seine Hypothese einer umgekehrt U-förmigen Beziehung zwischen Wachstum und Einkommensverteilung. Anhand von verschiedenen empirischen Daten für einzelne Länder vermutete er, dass die Einkommensungleichheit in einem Land in einer ersten Entwicklungsphase zunimmt, einen Höhepunkt erreicht und danach wieder abnimmt. Er begründete dies anhand von Bevölkerungsverschiebungen zwischen einem traditionellen Agrar- und einem modernen Industriesektor. Einerseits nehmen die Ungleichheiten zwischen den Sektoren während des Entwicklungsprozesses zu; andererseits steigt das Gewicht des «ungleicheren» Industriesektors, in welchem nicht für alle gleiche Subsistenzlöhne bezahlt werden, sondern sich die Löhne nach dem Grenzprodukt der Arbeit richten. Gemäss Kuznets wird die Einkommensungleichheit erst sinken, wenn alle Teile der Arbeiterklasse in die politische und ökonomische Struktur eines Landes integriert sind und politischen Einfluss gewinnen. Die Trendumkehr zu weniger Ungleichheit würde dann unter anderem durch stärkere Regulierungen (Tarifverträge, gewerkschaftliche Organisation, gesetzliche Vorschriften) und staatliche Umverteilungsmassnahmen bestimmt.

Kasten 3: Achtung beim Vergleich von internationalen Studien Um Ländervergleiche zu ermöglichen, berücksichtigt die Weltbank für ihre internationalen Tabellen nur individuelle Länderstudien, die gewissen Qualitätsstandards entsprechen (Deininger und Squire 1996, Francois und Rojas-Romagosa 2005). Von der Weltbank gesammelte Daten sollten also untereinander mehr oder weniger vergleichbar sein. Bei einem Vergleich von Weltbankdaten mit Daten anderer Organisationen ist jedoch Vorsicht geboten, da die resultierenden Gini-Koeffizienten stark vom Studiendesign abhängen. Dabei stehen die folgenden Aspekte im Vordergrund:- In welchem Jahr wurde die Studie durchgeführt?- Werden Individuen oder Haushalte betrachtet?- Handelt es sich um eine Haushaltsstudie, eine Auswertung von Steuerdaten oder eine Auswertung aufgrund von Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung?- Verwendet die Studie ein repräsentatives Sample der gesamten Bevölkerung, oder werden nur gewisse Teile der Bevölkerung berücksichtigt (wie z.B. Stadtoder Landbewohner, Steuerzahler, Beschäftigte)?- Wird das Einkommen oder der Konsum untersucht? Wie ist der untersuchte Einkommensbegriff definiert (Bruttooder Nettoeinkommen, inklusive/exklusive Transfers und Pensionen, Lohn-/Kapitaleinkommen, Einkommen aus selbständiger/unselbständiger Arbeit, inklusive/exklusive nicht-monetäre Einkommen usw.)?

Dr. rer. soc. oec., Leiter Ökonomische Analyse und Beratung, Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV), Bern

Dr. rer. soc. oec., Leiter Ökonomische Analyse und Beratung, Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV), Bern